Vom Einkaufen
Wenn vom Einkaufen in der DDR die Rede ist, denkt man in erster Linie an den "Konsum". Der wurde übrigens auf der ersten Silbe betont und war ein flächendeckendes Netz von Genosenschaften. Ich weiß nicht, ob wirklich nur Mitglieder einkaufen durften, aber im Prinzip war jeder Mitglied (oder hatte zumindest eins in der Familie). Die Läden waren von unterschiedlicher Größe - als ich noch als Käse im Schaufenster lag, befand sich sogar im späteren Wohnzimmer meines Elternhauses eine Konsum-Verkaufsstelle - aber als ich ein Kind war, betrieb der Konsum sowohl in Obercunersdorf als auch im Nachbarort einen knapp Lidl-großen Laden, der aber nicht Supermarkt, sondern Kaufhalle genannt wurde.
Die Einkaufswagen waren etwas kleiner als heutzutage, und man musste auch keine Mark hineinstecken. Als Diebstahlsicherung diente in unserem Dorf eine ca. 10 Meter hohe Treppe, die zum Verkaufsgeschoss hinaufführte. Im Inneren traf man auf einen mit den typischen schwarz-weiß gesprenkelten Kunststeinen gefliesten Boden und lange Regalreihen mit altweißer Sprelakart-Verkleidung. Ich kann mich nicht an besondere Werbeplakate erinnern, und vermutlich gab es an den Regalen keine Preisschilder - in der DDR gab es den Einheitlichen Verbraucherpreis (EVP), also kostete jeder Artikel in jedem Laden gleich viel, und der Preis war ab Werk aufgedruckt. Das Angebot war ein bisschen wie im Aldi - es gab alles Lebensnotwendige, aber meist nur eine Sorte. Anders als im Aldi gab es im hinteren Bereich sogar eine Wurst- und Fleischtheke - wobei meine Eltern eher zum Fleischer gingen. (Nebenbemerkung: Es wird heute allerlei über Versorgungsengpässe gerade beim Fleisch erzählt - ich war aber damals zu jung und unkritisch, um im Nachhinein Substanzielles zu diesem Thema beitragen zu können. In der Küche hing bei aber praktisch immer eine lange Salami an der Wand der Bodentreppe - die jedenfalls muss es gegeben haben. Auch an Schinken und Teewurst meine ich mich mit Bestimmtheit erinnern zu können.) Ach ja - es gab meiner Erinnerung nach keinen in Folie eingeschweißten Wurstaufschnitt oder Schnittkäse, und die einzige Lebensmittel in Plastebechern in unserem Haushalt waren Quark und die streichzarte "Frische Rahmbutter". Überhaupt kann ich mich an keinerlei Fertiggerichte wie Tiefkühlpizza oder Maggi-Pulver erinnern - man kochte selbst oder holte sich sein Mittag im Korb oder Leiterwagen aus einer der vielen Betriebskantinen nachhause. Milch gab es bei uns im Dorf ausschließlich (mehr oder weniger) frisch in Glasflaschen mit einem Aluminiumdeckel, in den das Tagesdatum eingeprägt war. (Im Winter, wenn die Kühe in der nahen Milchviehanlage Silofutter bekamen, wurde die Milch eklig. In der Milchviehanlage arbeitete übrigens die Patenbrigade meiner Klasse.) Am Flaschenhals setzte sich immer der Rahm ab, und man konnte Frischkäse draus machen. Der Joghurt steckte in ähnlichen, aber kleineren Flaschen, ebenso wie die aromatisierte Schulmilch. Es gab extra eine Art Eislöffel, um ihn da herauszubekommen. Kaffesahne gab es in pyramidenförmigen Tetra-Paks, denen man zum Öffen eine Ecke abschnitt. Näher am Eingang standen Getränkekisten (könnten durchaus noch Holzstiegen gewesen sein). Mineralwasser hieß in der DDR immer Selterswasser, außerdem gab es für uns Kinder eine "Limo" mit Orangenaroma und eine etwas weniger zuckrige "Limonade", die Orange-Maracuja-aromatisiert war. All diese Getränke, ebeso wie das Bier, wurden nur in 0,3-l-Pfandflaschen mit Kronkorken verkauft. In Literflaschen gab es noch sogenannten Süßmost (z. B. mit Rhabarbergeschmack) und Fruchtsirup, den man mit Sprudel zu Limonade mixen konnte. Es gab auch eine Art Haushaltswarenabteilung mit je einer Sorte Spülmittel (Fit), Scheuerpulver (Ata), Waschpulver (Spee), Schuhcreme (Eg-Gü) und so weiter. (Gut, von einigen Dingen gab es mehr als eine Sorte, Seife und Zahncreme zum Beispiel. Aber das hätte man in ein paar Jahren auch noch in den Griff bekommen.) Ich erinnere mich noch, dass es drei Sorten Batterien gab: die ganz einfachen (klassische Zink-Kohle-Elemente mit einer orangefarbenen Papp-Banderole), eine Luxus-Ausführung (in rotem Foliemantel) und Impportware aus der Sowjetunion (mit gelb-grünem Metallgehäuse). Besonders die ganz billigen liefen gerne mal aus, wenn man sie ein paar Wochen unbeobachtet in einem Spielzeug liegen ließ.
Vorn hinter den Kassen stand etwas sehr Spannendes, nämlich große Kunden-Kaffeemühlen. Da der teure DDR-Importkaffe nicht vakuumverpackt gehandelt wurde, kaufte jeder Genießer zum Aromaschutz ganze Bohnen. In diesen Automaten konnte man seine gekauften Bohnen hineinschütten und die Tüte unten anklemmen, wo der gemahlene Kaffee wieder hineinrutschte. Zu meiner Enttäuschung boykottierte meine Mutti dieses tolle Gerät und mahlte lieber daheim mit einer kleinen elektrischen Kaffeemaschine ganz frisch.
Die Kassen waren auch so eine Sache: elektromechanische Rechenmaschinen, die nach jeder Eingabe ein ziemliches Gerassel veranstalteten. Auf dem Zettel war folglich auch nichts außer dem Preis zu sehen, soweit ich mich erinnere. Dafür hatten sie an der Seite im Gehäuse noch ein Loch, wo man bei Stromausfall eine Kurbel einstecken und weiterrechnen konnte. Lustigerweise hatte der Konsum ein eigenes Payback-System in Form von Wertmarken, die für den Einkaufswert ausgegeben und am Jahresende in einer Bastelstunde in ein Album geklebt und dann gegen Bares (!) eingelöst wurden. Als letzte Versuchung gab es an den Kassen noch große transparente Plastikröhren, die mit einzelnen bunten Kaugummis befüllt waren (zur Zeit der Währungsunion gab es die im Abverkauf für einen Pfennig das Stück). Der typische DDR-Bürger trug seine Einkäufe in einem Nylon-Netz heim - da wir eine große Familie waren, war allerdings in meiner Erinnerung immer ein klappriges Leiterwägelchen beteiligt, das im Bedarfsfall (wenn durch Überladung beschädigt) mal zum Stellmacher gebracht und wieder gerichtet wurde. Interessant ist auch, dass der Konsum zur Besserung der Versorgungslage auch Lebensmittel aus privater Erzeugung ankaufte - man meldete sich an und gab die Dinge dann richtig an der Lieferrampe an der Gebäuderückseite ab. Die Subventionierung führte zu so kuriosen Sachen, dass man dort ein Kaninchen abgeben konnte und mehr Geld dafür bekam, als es hinterher fertig ausgenommen und zerlegt an der Fleishctheke kostete. (Das hab ich aber nur gehört - ich erinnere mich nur, dass wir im Schulgarten ein großes Beet Zuckererbsen angebaut und die Ernte dann in einem Sondereinsatz für den Konsum eingebracht haben.)
Die eigentliche staatseigene Handelsorganisation hieß HO und hatte natürlich auch in Obercunnersdorf eine Niederlassung - die war aber kleiner und beengter als der Konsum und wurde wohl deshalb meiner Erinnerung nach nur aufgesucht, wenn noch eine Kleinigkeit fehlte oder man etwas nicht bekommen hatte. Eine weitere, ganz wichtige Art von Läden, an die heute kein Lehrbuch und kaum ein Artikel erinnert, waren Kommissionshandlungen, also privat geführte Tante-Emma-Läden. Meine Eltern besuchten zwei davon, nämlich die "Burkhardt-Gretel" unterhalb des Kirchteichs und "Peupelmanns" unterhalb des Viadukts. Im Prinzip war das jeweils ein unglaublich vollgebautes kleines Zimmerchen mit Regalen an allen Wänden und einer großen Ladentheke, hinter der eine Verkäferin stand und einem alles gab, was man sich wünschte - richtig wie beim Kaufmannsladen-Spielen. Ich weiß noch genau, dass immer ein großes Bündel Schnuller an der Decke hing. Und bei der Burkhardt-Gretel habe ich einmal losen Quark gekauft, weil es nur losen gab - ich musste also noch mal heim und ein Töpfchen holen. (Bei Frau Peupelmann im Hinterhaus stand übrigens eine öffentliche Wäschemangel - auch das war eine faszinierende Maschine, die ich aber nur wenige Male gesehen habe, da sich meine Eltern dann entschlossen, die großen Wäschestücke in die Reinigung des nahe gelegenen Lautex-Kombinats zu geben.) Diese Konkurrenz mag verwundern, wo doch eigentlich keine Auswahl bestand und alles überal das gleiche kostete. Ein Grund für ihr Bestehen mag die geringere Mobilität der Kunden gewesen sein - es gab ja viel weniger Autos als heute, und das Dorf ist langgestreckt -, ein anderer die Beziehungspflege - Konsum und HO wurden mit Obst z. B. zentral beliefert und mussten nehmen was kam, während die Lädchen vielleicht Kontakt zu eienr besonders guten Gärtnerei haben konnten.
Auch die Drogerie Wünsche, deren Räumlichkeiten unterhalb des Gemeindeamtes heute langsam zerbröckeln, war ein privates Unternehmen - professionell aufgezogen, daher mit einem Verkaufsraum mit Oberlicht ausgestattet, um den sich eine lange U-förmige Theke herumzog, hinter der sowas wie Apothekenschränke fast bis zur Decke hinaufreichten. Hier habe ich meine ersten Füller gekauft, meine ersten Fotos zum Entwickeln abgegeben - und ab und zu Pulver gegen Abort-Maden (lose, abgefüllt in eine universal-Papiertüte) gekauft.
Wichtig und von meinen Eltern oft besucht waren auch Bäckerei und Fleischerei - beide haben sich auch bis heute halten können, und als Stadtmensch reibt man sich verwundert die Augen, wenn man die dortigen Preise betrachtet. Es hat davon früher sogar mehrere gegeben, aber nur je eine hatte bis zu meiner Geburt durchgehalten. Damals gab es auch noch eine richtige Gärtnerei im Dorf, westlich des Bahndamms, mit zwei großen Gewächshäusern, die im Winter mit einer kohlebefeuerten Dampfheizung betrieben wurden. Es war immer eine richtig Blütenduft-geschwängerte Luft, wenn man den Verkaufsraum betrat. Aber es gab weder glasierte Übertöpfe noch Verpackungsfolie - Sträuße wurden in Zeitungs- oder Packpapier gewickelt, Topfpflanzen in einfache Tontöpfe, für die man maximal einen weißen oder gelben Plaste-Übertopf in Gitteroptik bekam. (Ich habe neulich Fotos von meiner Namensweihe gesehen, wo diese unglasierten Töpfe als Tischschmuck aufgeboten werden!)
Nicht eigentlich ein Laden, aber doch auch wichtig war eine Flaschenannahmestelle, die hauptsächlich aus einer ehemaligen Werkstatt und einer älteren Frau mit Kopierstift-blauer Zunge bestand. Sie befand sich gegenüber der Färberei. Die eigentliche Annahmestelle der Sekundär-Rohstofferfassung (Sero) in der Nähe des Bahnhofs wurde nach der Wende zum Kristallisationskeim des Unternehmens Berger-Recycling, das es heute noch gibt. Hier konnte man die sprichwörtlichen Gläser, Flaschen, Altpapier, aber auch Lumpen und alle Arten von Schrott gegen bare Münze eintauschen. In der Nähe befand sich noch eine weitere Verkaufsstelle, an die ich mich erinnnern kann. Sie gehörte wohl zu einer bäuerlichen Handelsgenossenschaft; entsprechend konnte man hier Dinge wie Petroleumlampen, Leichtbenzin oder "Hylotox" (Holzwurmgift auf DDT-basis, mit dem u. a. meine Wiege behandelt wurde) kaufen.
Um ein Elektrogerät oder -zubehör zu erwerben, muste man bis in die Mitte von Niedercunnersdorf radeln, wo Herr Bitterlich ein Elektro-Fachgeschäft betrieb (und meines Wissens betreibt). Hier gab es alles vom Fahrradlämpchen bis zur Waschmaschine. - A propos: Ein Lädchen für Fahrradbedarf gab es auch, nämlich an der Kottmarsdorfer Straße; nur weiß ich beim besten Willen nicht, ob das erst 1990 aufmachte.
Nach 1990 hat sich das Bild gründlich gewandelt. Die Kaufhalle versuchte sich ein paar Jährchen noch als "O.K.-Markt" und hatte plötzlich sagenhafte Schnäppchen im Angebot, wie chinesische Leercassetten, gegen die die alten ORWO-Bänder ausgesprochene Qualitätsprodukte waren. Die Konkurrenz der in der Umgebung der größeren Orte aus dem Boden schießenden Supermärkte war aber auf dauer zu groß, und der Konsum machte dicht (und blieb es für fast 20 Jahre, bis ein lokaler Getränkehändler sich heranwagte und eine Filiale mit einem kleinen Nahkauf-Angebot eröffnete). Die Emma-Tanten gingen beizeiten in Rente und fanden keine enthusiastischen Nachfolgerinnen - ein paar Jahre später folgte die Drogistin. Die HO gibt es noch, da die ehemalige Filialleiterin den Laden als Edeka weiterführte und die passenden Innitialen (H. O.) hat. In den wilden Gründerjahren nach 1990 haben sich auch etliche Dorfbewohner als Getränkehändler oder Minishop-Betreiber versucht, mehr als ein paar Jahre hat es aber niemand durchgehalten - irgendwann hatte einfach jede Familie ein Auto und fuhr doch ins Kaufland oder gleich zu den Tschechen. Ein Second-Hand-Laden mit Drogerieabteilung bildet die rühmliche Ausnahme; er hat auch die Postannahmestelle übernommen. Zwei Floristinnen haben wir jetzt - aber keine Gärtnerei mehr.